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Japanische Kultur spricht mich an. Ich liebe den Stil von Jukio Mishima, kenne "Das Buch der fünf Ringe" von Miyamoto Musashi, lese Haruki Murakami, schätze den Zen-Buddhismus - und esse gerne Sushi.
UAAAAAA!!! Manga heißt die Ausstellung im Museum für angewandte Kunst. Ein edles Haus dieses Mak, mit einer herrlichen Säulenhalle in der Mitte, quadratisch, unter einem hohen Glasdach. Im Untergeschoss ist die Abteilung für Orientalistik. Wunderbare Buddha Statuen ruhen im Halbdunkel. Hier würde sich ein Kunstraub lohnen. Eine Wächterin kommt mir entgegen, freundlich, kompetent. Als ich aber nach der Manga Ausstellung frage, verliert sich ihr Interesse. Sie gibt nur noch zögerlich Auskunft, will nicht wissen in welchem Stock die Manga Ausstellung ist und ob sie überhaupt geöffnet hat.
Manga, das ist japanische Schundliteratur, auf billigstem Papier gedruckt, flüchtig gezeichnete Comics mit trivialem Inhalt. Vor dergleichen bin ich schon in der Volksschule gewarnt worden. So schlechtes Papier findet man bei uns nur noch in einem billigen Kopyshop bei der Uni. Farbe kann man nicht darauf nicht drucken. Sogar die Druckerschwärze färbt nicht recht auf dem nie richtig weißen, grauen, manchmal blassrosa oder blassblau getönten Papier. Dazu die flüchtig hingeworfenen, oft hässlichen Zeichnungen.
Vielleicht ist das überhaupt eine hässliche Kultur, diese asiatische. Chinesische Schrift, die Muster auf den Trennwänden im Chinarestaurant, Japanische Holzschnitte - das alles ist mir eher unangenehm - kein Vergleich mit Botticelli, oder Gustav Klimt, oder Egon Schiele.
Ich bin jedoch bereit für meine kulturelle Neugier zu leiden. Aber es gibt noch andere Hindernisse. Halb Asien schreibt von oben nach unten, von rechts nach links. Daher sind die Seiten verkehrt herum nummeriert. Die letzte Seite ist dort wo bei uns die erste ist. Nehme ich ein japanisches Heft in die Hand, schaue ich auf den hinteren Deckel. Versuche ich eine Bildergeschichte zu verstehen, muss ich also hinten anfangen und zwar nicht links oben, wie bei unseren Komikheften, sondern rechts oben, von oben nach unten.
Nach diesen Vorbereitungen versuche ich mich an einem Sportmanga, Pferderennen mit dem Jockey Wesugi. Letzte Seite aufschlagen, oben rechts anfangen, nicht nach links sondern nach unten weiter schauen. Ich bin überrascht, wie es mich hineinzieht, welche Gefühle es bei mir auslöst, in welche Emotionen ich komme.
Auf der, für mich, letzten Seite, rechts oben ein Galopprennen. Das Stadion ist bis zum letzten Rang gefüllt. Das Feld biegt in die Zielgerade ein. Über den Reitern immer wieder der Buchstabe do. Größer über denen weiter vorne, der Hufschlag, Do-do-do do-do-do, im aufwirbelnden Staub der Pferde weiter hinten, kleiner und öfter dododo dododo dododo dododo.
Ein Bild weiter unten: Das Feld kommt näher. Links ein senkrechter Streifen mit chinesischen Schriftzeichen. Die Leute vom MAK haben die Übersetzung dazugeschrieben. Uesugi hat bisher Kräfte gespart, jetzt greift er auf der Außenbahn an.
Ganze fünf Kanjizeichen ist dieser Textbalken lang.
Uesugi jetzt größer im Bild, entsprechend lauter das Trommeln der Hufe, in groben Strichen über Ross und Reiter gepinselt DoDoDo DoDoDo.
Im Bild darunter: Uesugi in Großaufnahme, über den Kopf seines Pferdes gebeugt. In seinen riesigen Augen unter der Rennbrille spiegeln sich die Augen des Pferdes. In den Augen des Pferdes spiegeln sich Uesugis Augen. Reiter und Pferd sind eins. Die Zuschauer brüllen auf. Uesugi gewinnt das Rennen.
Japanisch ist schneller zu lesen als unsere Schrift. Der Durchschnittsleser braucht 4 Sekunden für eine Seite Manga, das sind 20 Minuten für ein 300 Seiten Heft. Lesegeschwindigkeit ist Pflicht für den Mangazeichner. Dazu muss der Leser zwei Seiten in seinem Blickfeld haben. Es gibt deshalb zwei Formate. Mangas zum Lesen in der U-bahn, auf den Oberschenkeln gehalten sind größer. Mangas für zuhause kleiner, 25 x 18 cm. Keine Farbe lenkt ab. Die Bilder folgen in schnellen harten Schnitten, wie beim Film. Das ist anfangs irritierend, aber sobald man sich mit der Kamerabewegung identifiziert, schneller als die statischen Bildfolgen westliche Comics. Andere Konventionen helfen beim Verständnis: Je wichtiger die Figur, je schöner die Frau, um so größer die Augen.
Mangas werden in gewaltigen Mengen hergestellt: über in Drittel der japanischen Papierproduktion geht dafür drauf. Mangazeichner ist ein beliebter Beruf unter den jungen Japanern. Die Originalseiten berühmter Mangakas zeigen die Perfektion des Striches, von Kindheit an geübt Treffsicherheit der Feder.
Es gibt Manga Conventions auf denen die Verlage die Besten aussuchen und unter Vertrag nehmen. Es wird schlecht gezahlt und es ist anstrengend. Eine Geschichte mit 20 Seiten pro Woche ist Pflicht.
Themen und Figuren kommen aus dem Alltag. Die Frauen sind schön, die Männer männlich, die Mütter besorgt, die Väter väterlich, die Geschäftsleute hässlich, die Jungen mutig, die Kinder kindlich. Das Schönheitsideal ist westlich: die Heldinnen sind blonde Frauen mit langen Haaren, die Helden erinnern oft an Siegfried.
Es gibt Kindermangas, Mädchenmangas, Sportmangas, Geschäftsmangas. Irgendwie fehlt da etwas. Katakana kann zwar nur wenige deutsche Wörter richtig wiedergeben, dafür aber fast alle Geräusche. Katakana mit ein paar Zusatzstrichen bietet den Originalton, keine mühsame Umschreibung wie das Ächz, Stöhn, Ratsch, Knacks der Mickymaus Hefte.
Das sind ungeahnte Möglichkeiten. Ich beschließe im Internet nachzuforschen. Da finde ich massenweise erotische Manga. Allerdings frage ich mich was erotisch sein soll, an diesen billigen Darstellungen. Die Pornoindustrie scheint hier auch nachzugraben: es gibt farbig gestylte Cartoons, kopulierende Mickymäuse, explizite virtuelle Realität wie in den Filmen von Pixar. Ich bleibe bei Mangas, von Hand gezeichnet und schwarz-weiß, ganz gleich wie grottenschlecht sie sind. Schließlich bin ich auch bereit für meine erotische Neugier zu leiden.
Die Japaner sind systematische Leute. Hier trifft das westliche Vorurteil doch einmal zu. Für erotische, oder soll ich eher sagen priapische, Mangas kommen folgende Begriffspaare infrage: Nackt/angezogen, Mann/Frau, jung/alt, oben/unten, innen/aussen, primäre Sexualorgane männlich und weiblich, sekundäre Sexualmerkmale männlich/weiblich. Tabus oder Zensur scheint es keine zu geben. Im japanischen Manga der anderen Art sind alle Kombinationen vertreten. Einige davon würden einem hart gesottenen Wiener Staatsanwalt die Schamröte ins Gesicht treiben.
Die zugehörigen Laute sind alle direkt in Katakana geschrieben. Ohh Ahh Who Aiiih, mmm, oft in rhytmischen Widerholungen ah ah ah, hu hu hu. Die meisten Leser dürften Männer sein. Allerdings wird auch der von Sigmund Freud unterstellte Penisneid der Frauen hier ausgiebig befriedigt.
Im Internet hat jeder die Freiheit irgendwelche Klokritzeleien zu veröffentlichen, aber schließlich finde ich doch von Meistern der Kunst gezeichnete erotische Mangas.
Typischerweise fängt die Geschichte am frühen morgen an, in einem japanischen Haushalt in einem der kleinen einstöckigen Häuser. Tatamimatte, Sojoscreen, ein kleines Tischchen für das Frühstück, mit Stühlen dran. Die Protagonistin setzt sich auf einen Stuhl und frühstückt. "Ich muss jetzt los, sonst verpasse ich den Zug" In der Tür winkt sie zurück "Tschüss, Baba, bis heut abends" könnte der Text heißen, der in Chinesischen Schriftzeichen daneben steht.
Es fängt immer mit einer jungen Frau an, immer eine Japanerin, nie ein Chinesin oder gar sonstige Ausländerin. Das erotische Manga ist absolut rassistisch. Ein Japaner der's mit einer Japanerin tut. Sie ist Studentin, oder Schülerin mit schwarzem straff zurückgebundenen Haar. Ein grauer Faltenrock, Kniestrümpfe, schwarze Halbschuhe. Kein Stilbruch ist hier erlaubt. Abweichungen deuten auf eine perverse Geschichte hin.
Sie steigt in den Vorortzug. Es gibt Blicke, hier könnte es auch schon anfangen. Sie ist angekommen. Sie begegnet ihren Kollegen und Kolleginnen. Ein Mitschüler, oder ein Ausbilder, oder der Bruder einer Freundin ist darunter, ein gewöhnlicher Typ in langen Hosen und t-shirt. Eine Gelegenheit ergibt sich.
Manchmal küssen sie sich, ganz kurz, nur ein Bildchen lang, vielleicht ist das ein Kulturimport. Ihr Hemd oder Top schiebt sich hoch, oder sie schiebt es hoch. Er bleibt zurückhaltend. Nette BHs haben sie, die Japanerinnen, und schöne Brüste. Unter dem Faltenrock ringelt sich das Höschen um die Knie. Es ist weiß und schaut wärmer aus als unsere Slips. Sie legt ihre Hand auf die Schwellung in seiner Hose.
Jetzt erst geht es richtig los. Auf einmal ist er nackt. Sie lutscht ihn. Ihr Faltenrock ist auch verschwunden. Er lutscht sie. Beide haben den ersten Orgasmus. Alle Variationen von oral, anal, vaginal kommen dran, am meisten aber vaginal. Sie steigern sich zum Wahnsinn, von wilden Geräuschen umgeben. Die Bilder werden fast verdeckt von den Geräuschen. Beim letzten Höhepunkt, der Befruchtung, liegt sie unten. Ihr Unterleib wird durchsichtig. Man sieht ihren Uterus, davor den Penis im Geburtskanal, erigiert, ejakulierend, das Sperma in den zuckenden Uterus spritzend.
Sogar ihre halbgefüllte Harnblase ist zu sehen.
19.11.2005 vorgelesen beim Texthobel am 1.12.2005